 |
Ziele und sozialpolitische Bedeutung der Studie
Die Dienstleistungsarbeit in den deutschen Krankenhäusern
beeinflusst direkt und oft irreversibel Leben und Gesundheit von
jährlich über 16 Millionen Patienten, einem Fünftel der Bevölkerung.
Das Krankenhaus ist zu einem wichtigen Bestandteil der Lebenswelt
der Bürgerinnen und Bürger geworden. Die meisten Bürger werden im
Krankenhaus geboren und ein großer Teil von ihnen stirbt im
Krankenhaus. Die Zuverlässigkeit des Krankenhauses ist Grundlage
ihres Vertrauens, im Bedarfsfall schnellen und chancengleichen
Zugang zu einer wirksamen Krankenhausbehandlung zu haben. Dieses
Vertrauen hat den Charakter eines öffentlichen Gutes und ist ein
wesentlicher Bestandteil des Lebensstandards auch derjenigen
Menschen, die das Krankenhaus de facto nicht in Anspruch nehmen.
Die deutschen Krankenhäuser wiederum stehen in einem Prozess
tief greifender Veränderungen. Die bevorstehende Umstellung der
gesamten Krankenhausfinanzierung auf ein diagnosebezogenes
Fallpauschalensystem (Diagnosis-Related Groups = DRGs) gilt als das
folgenreichste einzelne Reformelement in der Gesundheitspolitik der
letzten Jahrzehnte. Alle Leistungen des Krankenhauses (Ausnahme
Psychiatrie) sollen einheitlich definiert, pauschaliert und vergütet
werden. Das Reformziel besteht darin, die Krankenhäuser verstärkt zu
wirtschaftlichem Verhalten zu motivieren, eine effizientere
Krankenhausversorgung zu erreichen, überflüssige Leistungen zu
reduzieren, die Verweildauer (weiter) zu senken und Kapazitäten
abzubauen ohne die Qualität der Versorgung zu verschlechtern. Der
Umstellungsprozess wird als äußerst komplex und in seinen
Auswirkungen unvorhersehbar angesehen. Offen ist nicht nur,
inwieweit die positiven Reformziele einschließlich der damit
einhergehenden Gestaltungschancen realisiert werden können, sondern
auch, ob und in welchem Umfang nicht intendierte unerwünschte
Effekte auftreten und wie ihnen begegnet werden kann.
Vor diesem Hintergrund zielt das Projekt darauf, sowohl die
Entwicklungschancen des Umstellungsprozesses auf das DRG-System als
auch die nicht intendierten Versorgungsrisiken zu identifizieren.
Die Implementierung des Fallpauschalengesetzes erfolgt über mehrere
Jahre und mehrere inhaltliche Stufen, die durch das Projekt
begleitet werden sollen.
sozialwissenschaftlicher Ansatz
Der
inhaltliche und forschungsökonomische 'archimedische Punkt', an dem
wir ansetzen ist der medizinische und pflegerische
Dienstleistungsprozess bzw. die Krankenhausarbeit. Medizinische und
pflegerische Dienstleistungen sind dadurch gekennzeichnet, dass
Produktionstätigkeit und Konsumtion zugleich in einem Prozess ('uno
actu') erfolgen. Um sowohl die Patienten- als auch die
Organisationsperspektive erfassen und zueinander in Beziehung setzen
zu können, wird das Krankenhaus als ein soziales System betrachtet,
das durch die Produktion medizinischer und pflegerischer
Dienstleistungen strukturiert wird. Nach unserem Verständnis sind
die Patienten darin keine jenseits der Produktion stehenden Abnehmer
bzw. Konsumenten, sondern Bestandteil dieses Produktionsprozesses
selbst. In den medizinischen und pflegerischen Arbeitsprozessen
spielen sie eine Doppelrolle als 'Arbeitsgegenstand' und
'Mitproduzent'. Als Arbeitsgegenstand (am deutlichsten ausgedrückt
durch die Lage auf dem Operationstisch im narkotisierten Zustand)
sind sie Objekte, während sie überall dort, wo es auf ihre
Motivation und ihr Verhalten ankommt und sie ihr
Selbstbestimmungsrecht ausüben (können), auch Subjekte und
Mitproduzenten im medizinisch-pflegerischen Arbeitsprozess sind.
Nahezu jeder Aspekt des Wandels dieser Arbeitsprozesse bzw. der
Krankenhausorganisation beeinflusst ihre Lage und damit die Qualität
der Versorgung.
Erhebungsdesign
Zur
Untersuchung der Folgen der DRG-Einführung wurde ein
mehrdimensionales Längsschnittdesign entwickelt:
-
Aufgrund der
zentralen Bedeutung der Krankenhausdienstleistung als Arbeits-
und Interaktionsprozess mit dem Patienten wurden zwei in sich
selbständige, aber inhaltlich, zeitlich und methodisch
aufeinander abgestimmte Projekte konzipiert, die jeweils auf
unterschiedliche Dimensionen des Dienstleistungsprozesses
zielen. Bei den Projekten, die parallel durchgeführt werden,
handelt es sich um eine Ärzte- bzw. Pflegekrafterhebung, die von
der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird, und eine
Patientenerhebung, die als Eigenprojekt von ZeS und WZB
durchgeführt wird. Die Ergebnisse der Projekte sollen
systematisch aufeinander rückbezogen werden, um so die
Untersuchung der medizinischen und pflegerischen
Dienstleistungsarbeit sowohl zu erweitern als auch zu
kontrollieren.
-
Die
Veränderungen, die die Einführung des DRG-Systems für den
Dienstleistungsprozess und die Versorgungsqualität hat, können
nur dann angemessen erfasst und bewertet werden, wenn die
Ausgangslage bekannt ist. Die erste Erhebungswelle fand deshalb
- aus Eigenmitteln von ZeS und WZB finanziert – vor bzw. kurz
nach der zunächst freiwilligen Umstellung auf DRG statt. Die
beiden nächsten Wellen sollen die Veränderungen während der
Konvergenzphase und am Ende der Umstellung auf DRG abbilden.
Das von der Hans-Böckler-Stiftung
geförderte Projekt legt den Schwerpunkt der Erhebung und Analyse auf
die Versorgung aus der Arbeits- und Beschäftigtenperspektive. Das
umfasst die beiden Variablen "Arbeit" und "Interaktion" (s.
Abbildung). Im Zentrum der Erhebungen stehen das pflegende und
ärztliche Personal. Kern der Untersuchung sind in drei Wellen
wiederholt durchgeführte Befragungen zur Arbeit und
Versorgungsqualität aus der Sicht der Ärzte und Pflegekräfte.
Ergänzt werden diese Erhebungen durch empirische Fallstudien in
ausgewählten deutschen Krankenhäusern sowie durch die Beteiligung
von Fokusgruppen aus Patienten, Pflegekräften und Ärzten.
Das zweite,
parallel begonnene Eigenprojekt untersucht ebenfalls die
Interaktionsbeziehungen, im Zentrum stehen dabei aber die
Erfahrungen der Patienten und die Variable "Interaktion"
aus der Patientenperspektive. Empirische Grundlagen des
Eigenprojekts sind wiederholte schriftlich standardisierte
Befragungen von ca. 6.000 Versicherten der bundesweit vertretenen
Gmünder Ersatzkasse (GEK), die vor nicht länger als zweieinhalb
Monaten aus einer Krankenhausbehandlung entlassen wurden. Hinzu
kommen Auswertungen von Routinedaten dieser Krankenkasse.
Abbildung:
Variablenstruktur des Gesamtprojekts
Stand des Projekts (September 2004)
Für alle drei Untersuchungsfelder sind Fragebögen entwickelt
und mehrfach (in Fokusgruppen und Probeerhebungen) getestet worden.
Die erste Patienten- und Pflegekraftbefragung wurde 2003
durchgeführt und ist inzwischen ausgewertet. Die erste
Ärztebefragung wurde Anfang 2004 durchgeführt und ist in der
Auswertung. |
|
|
|
|
|